Odernheimer Geschichte

Geschichten und Geschichte

Die Johannisvereine

In der Mitte des 19. Jhd. gab es keine soziale Absicherungen, die Menschen in Notlagen, Krankheit usw. vor der Verarmung bewahrten. Die Beginnende industrielle Revolution, die einen radikalen Gesellschaftlichen Wandel auslöste, zerstörte bislang funktionierende Versorgungsstrukturen in den Gemeinschaften und im Ergebnis eine Armutswelle. Missernten und meteorologische Ausnahmeereignisse beschleunigten die fortschreitende Verarmung und insbesondere die der Landbevölkerung. Diese Entwicklungen sind auch in Odernheim nachzuvollziehen.  Ab der Mitte des 19. Jhd. sind größere Aus- und Abwanderungsbewegungen von Odernheimern u.a. in die Städte, benachbartes Ausland und  nach Übersee zu verzeichnen. 

Es ist die Zeit, in der die gesellschaftlichen Veränderungen nach strukturellen Lösungen suchte. Theodor Fliedner in Kaiserswerth, der dort das erste Diakonissenhaus gründete, Adolf Kolping der sich um die wanderden Handwerksgesellen kümmerte, sowie Bischof Emanuel von Kettler der die katholische Arbeiterbewegung gründete. Ebenso der deutsche Philosoph und Ökonom Karl Marx, sowie Friedrich Engels, die zu den einflussreichsten Theoretikern des Sozialismus und Kommunismus wurden. Allen Reformgedanken lag die Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zugrunde. 

 

Durch den damaligen Reichskanzler Bismarck wurde 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Rentenversicherung (Renteneintrittsalter: 75 Jahre mit entsprechender Anwartschaft) gesetzlich initiiert. Die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung ist die Grundlage unseres heutigen Sozialsystems. Reichskanzler Otto von Bismarck machte mit diesen Gesetzeswerken Zugeständnisse an die immer stärker werdende Sozialdemokratie, die bis 1890 verboten war.

Im Königreich Bayern, zu der auch die Pfalz gehörte, zeigte sich König Maximilian II (*1811- +1864, reg. 1848-1864)  aufgeschlossen für die sozialen Folgen der Industrialisierung. Bereits als Kronprinz hatte er sich mit Studien über die soziale Frage und Theorien über die Arbeiterschaft auseinandergesetzt. Die Aufhebung bzw. Regulierung der bäuerlichen Grundlasten 1848 war ein erster wichtiger Schritt im Rahmen von Maximilians Sozialpolitik. Maximilian entwickelte ein Programm zur Einrichtung von Hilfs-, Distrikts- und Arbeiterkassen, das möglichst ganz Bayern umfassen sollte. Dabei orientierte er sich an Vorbildern aus Privatunternehmen. Die Augsburger Kammgarn-Spinnerei unterhielt damals bereits eine Arbeiterkasse. Ein Arbeiterausschuss verwaltete die Pflichtbeiträge der Beschäftigten und zahlte Kranken- oder Sterbegeld. Andere Betriebe finanzierten ihre Kassen noch über Ordnungsstrafen.

  

In diesem Kontext profilierte sich der König als Stifter und Förderer verschiedenster caritativer Einrichtungen. 1853 riefen Maximilian II und Königin Marie den Zentralverein des St. Johannis-Vereins ins Leben. Die in Bayern schon zuvor weitverbreiteten St. Johannis-Vereine widmeten sich der Sorge für Waisen, Blinde und Taubstumme, der Einrichtung von Kleinkinderbewahranstalten und Armenhäusern, der Stiftung von Krankenvereinen sowie Unterstützungskassen für Fabrikarbeiter und Handwerksgesellen.

An der Spitze der Johannisvereine stand der 1853 gegründete Zentralverein mit Sitz in München, der neben der Neugründung von Zweigvereinen auch die Aufgabe hatte, die bereits existierenden karitativen Einrichtungen zu bündeln und zu organisieren. Als Gründungskapital einer St. Johannisstiftung spendete Maximilian 30.000 Gulden.Die Gründung des Zentralvereins setzte damals eine schon florierende Bewegung von Vereinsgründungen in Gang. Vor 1853 hatte es bereits mehr als hundert Zweigvereine gegeben, danach traten über 500 Neugründungen hinzu, mit Schwerpunkt in Mittelfranken und der Pfalz. 1957 wurde der Zentralverein in München aufgelöst.

 

Der Johannisverein in Odernheim am Glan

 

Im März 1854 gründete sich in Odernheim der St. Johannisverein. Am 18. Januar 1855 wurde der Zweig des Johannisvereins Odernheim anerkannt. Das nebenstehende Schreiben des Capitels des Zentralvereins des St. Johannisvereins in München bestätigte die Mitgliedschaft des Zweigs Odernheim für den Bezirk Odernheim im St. Johannisverein München. 

 

Zuvor ersuchte ein Odernheimer Komitee unter Vorsitz von Pfarrer Schwartz am 6. November 1854 das Zentralkomitee des Johannisvereins München um Gründung eines Zweiges in Odernheim.

  

Die Vereinsstatistik[1] verzeichnet 1854/1855 57 Mitglieder. 

Ein Ausschuss von 7, später 5 Mitgliedern entscheid über die Bedürftigkeit. Die Zuwendung wurde in Naturalien sowie in Form von Geld gewährt. 

 

Mitglieder des Ausschusses 1856:

Hr. Weyand

Hr. Schmidt (1. Vorstand)

Hr. Grimm

Hr. Weinschenk (Sekretär)

Hr. Bachmann

Hr. Albrecht

Hr. Porr?

 

Ein Teil der Mitglieder des Johannisvereins spendeten in der Weise, dass sie den Mittagstisch (Kosttisch) spendeten, und Bedürftige Menschen an ihrem Mittagstisch teilhaben ließen. In der Akte sind bei den verschiedenen Mitgliedern, die Wochentags wechselnden Mittagsgäste genannt. Die für Mittags gespendete Mahlzeit wird als Kosttisch bezeichnet. Je nach Bedürftigkeit erhielten die Bedürftigen Bürger von Odernheim zusätzlich ein Laib Brot, Kartoffeln o.Ä. 

  

Mitte des 19 Jhd. bekam der Nachtwächter einen geringen Lohn von der Gemeinde Odernheim, die ihm Wohnung im Obertor und Gabholz[2] als Teil des Lohnes verrechnete. Der Nachtwächter bekam weitere Unterstützung vom St. Johannis Verein Odernheim in Form von Naturalien und/oder Geld. 

  

Besonders fällt bei der Durchsicht der „Bedürftigen“ auf, dass verwitwete Frauen (Witib= Witweib) besonders häufig Unterstützung durch den St. Johannisverein erhielten. Eine weitere Personengruppe, die häufig Unterstützung des Johannisvereins in Anspruch nahmen, sind Kinderreiche Familien, sowie Menschen ohne regelmäßiges Einkommen (Tagner, Taglöhner). 

  

Die Entlohnung von Witwe Euler durch den St. Johannisverein für die Erteilung von Handarbeitsunterricht an arme Kinder, war eine weitere Aufgabe des St. Johannis Vereins Odernheim.

  

[1] Akte: GAO, XI/18

[2] Gabholz: Gemeindeeigenes Brennholz, das oft als Teil des Lohnes oder an Bedürftige von der Gemeinde ausgegeben wurde. Die Verteilung von Gabholz ist in den Rechnungsbüchern der Gemeinde Odernheim umfassend dokumentiert.